Lulu

Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen … Mein Mann!  

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Theater 
Cuvilliéstheater  

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Information

Altersempfehlung
Ab 14 Jahren
Dauer
105 Minuten
Musik
Arthur Fussy  
Bühne
Cuvilliéstheater  

Beschreibung

Über zwanzig Jahre lang arbeitete der Münchner Dramatiker Frank Wedekind an der von ihm sogenannten Monstretragödie, die aufgrund der harschen Zensur zu seinen Lebzeiten keine Aufführung in München erlebte. Zu anrüchig, zu lüstern. Wedekind schuf mit Lulu eine Schlange, geschaffen, um «zu locken, zu verführen» – und um zu morden. Für ihre Liebhaber scheint Lulu Projektionsfläche – was Mann wünscht, er findet es in ihr. Und mehr: Lulus Verführungen treiben ihre Liebhaber*innen in München und Paris reihenweise in den Tod, bis sie sich schließlich in den Londoner Gassen ihrem eigenen Tod in die Arme wirft.

Bereits im Prolog teilt Wedekind uns allerdings den Namen eines noch gefährlicheren Raubtiers mit, das dieses Stück bevölkert: «Verehrtes Publikum!» Denn nicht nur für die Männer in ihrer Welt ist Lulu ein Wert, etwas, das sich anhand des eigenen Lustgewinns bemessen lässt. Auch vor dem Publikum muss sie sich fortwährend dem objektivierenden Blick aussetzen. Auch für Publikum und Regisseur ist Lulu Projektionsfläche, auf der sich Frauenbilder sezieren lassen. Wer also steckt hinter diesen beiden erotischen Silben? Diese Frage ergründet der Regisseur Bastian Kraft, indem Lulu nur mit Lulu spricht. Gespielt von drei Schauspielerinnen, verhandelt Lulu in einem vielstimmigen Dialog mit sich selbst ihre eigene Geschichte. Sie übernimmt hiermit ihr Schicksal. Der lineare Handlungsverlauf löst sich auf, und ihren Liebhabern begegnet Lulu, indem sie die Männer selbst spielt. So verschiebt sich die Macht des Begehrens in das erotische Spannungsfeld verschwimmender Geschlechtergrenzen. Und die Lust an der Travestie zeigt kein Frauenbild, sondern Lulus Blick auf die Männerbilder, die Wedekind in diesem Stück zeichnet.

Bastian Krafts multimediale Bearbeitungen verdichten literarische Klassiker auf ihr Kernpersonal, dem sie eine neue Erzählperspektive und Stimme geben, und haben ihn an die wichtigsten Bühnen des deutschsprachigen Raums geführt. Mit «Lulu» wird er nun in München seine intensive Beschäftigung mit Videokunst auf der Bühne fortsetzen, wobei es ihm gelingt, trotz formaler Zugriffe stets die Schauspieler*innen in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen, wofür er vielfach ausgezeichnet worden ist.

Kritiken

Bild eines*r Kritikers*in

Paulina
Wawerla

Theatertanten

Besuchte Premiere: 22. November 2019 im Marstall

Bastian Kraft ist für die Münchner*innen kein Unbekannter. Seine Felix Krull Inszenierung am Volkstheater ist seit vielen Spielzeiten immer noch regelmäßig ausverkauft. Mit seiner Interpretation von „Lulu“ will er an diesen Münchner Erfolg anknüpfen und hat es – ich nehme es schonmal vorweg – hundertprozentig geschafft.

Mit Frank Wedekinds Frauenfigur aus dem Jahr 1898 zeigt Kraft, wie man Video ins Spiel integrieren kann, ohne Castorfs „Live-Kamera-Stil“ nachzuahmen – und setzt auf einen intelligenten und humorvollen Umgang mit dem Begriff des männlichen Blicks.

Seit jeher sind es eben diese männlichen Blicke, die das Bild der Frau in den Medien prägen und in sozialen Situationen über weite Strecken den Umgang miteinander bestimmen. Lulu ist der Prototyp eines Opfers dieser Blicke und der Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden. So beginnt der Abend im Marstall erst einmal mit einer Klarstellung:

„Ich muss Sie leider enttäuschen. Ich werde mich heute Abend nicht ausziehen. Ich weiß, das ist hart. Wo sie doch extra deswegen gekommen sind. Nicht wahr.“

So leitet die erste Lulu-Darstellerin Liliane Amuat ein und verweist kurz auf das Machtverhältnis zwischen Darsteller*innen und Zuschauer*innen. Damit fordert sie uns auf, unsere Sehgewohnheiten und Erwartungen an Schauspielerinnen zu reflektieren.

Amuat ist an dem Abend aber nicht die einzige Lulu, denn sie spielt mit Juliane Köhler und Charlotte Schwab gemeinsam die junge Frau und auch noch diejenigen, von denen Lulu so begehrt wird. Das sind – mit einer Ausnahme – Männer. Durch alle Altersschichten und sozialen Gruppen hindurch verfällt Man(n) Lulu. Dabei ist sie zwar nicht ganz unbeteiligt an den Männerphantasien, die sie auslöst und geht das Spiel mit den Männern ein, doch ist es ein Spiel mit ungleichen Waffen. Sie ist ein junges Mädchen – ihre Verehrer wolllustige Kerle. Für jeden dieser Männer ist Lulu eine andere Frau, eine Projektionsfläche ihrer Fantasien und sie verwandelt sich so lange, bis sie irgendwann an dieser Objektisierung zugrunde geht. Die einzige Chance, sich aus dieser Unmündigkeit zu befreien, erscheint ihr der Mord an ihren Liebhabern zu sein.

eDa die drei Schauspielerinnen jeweils geschätzt mindestens fünf Rollen übernehmen müssen, löst Kraft das, indem er das kleine Ensemble mit ihren eigenen teilweise vorproduzierten Schattenwürfen spielen lässt, die während der Premiere auf die Leinwand projiziert werden. Das Spiel mit dem Begriff des „Rein und Rausschlüpfens“ in eine Rolle wird bildstark vermittelt und die erzwungene Wandelbarkeit der Frau wird deutlich.

Auf der Ebene der Geschichte ein geniales Mittel, um die Rollenwechsel der Lulu zu zeigen, aber dazu auch wirklich wahnsinnig unterhaltsam. Denn nachdem im ersten Teil mit den Schattenwürfen interagiert wird, tauchen die Darstellerinnen im zweiten Teil grandios geschminkt in verschiedensten Männerrollen auf der Videoleinwand auf und stellen ihr schauspielerisches Talent und definitiv auch ihr Talent für Komik unter Beweis. Teilweise hätte ich mir allerdings ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit der Männerfiguren gewünscht, denn die wirken manchmal eher wie dümmliche Trottel als wie gefährliche Liebhaber.

Trotzdem stellt das Regieteam unmissverständlich unter Beweis, welchen Zugang das Thema Feminismus braucht: Denn ich denke, dass man(n) schon durch eine Bewusstwerdung der eigenen Blicke und Erwartungen an das andere Geschlecht einen Schlüssel finden kann, um große Probleme lösen zu können. Ich bin sehr inspiriert aus dem Marstall gekommen – voller Respekt vor den drei Schauspielerinnen.

Paulina Wawerla   // Theatertanten

Bewertungen

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Mitwirkende

Produktionsteam  

Inszenierung
Bastian Kraft  
Bühne
Peter Baur  
Kostüm
Dagmar Bald  
Licht
Monika Pangerl  
Video
Kevin Graber  
Dramaturgie
Bendix Fesefeldt  

Besetzung  

Darsteller*in
Liliane Amuat  
Darsteller*in
Juliane Köhler  
Darsteller*in
Charlotte Schwab  

Weitere Hinweise

Hinweise
Von Frank Wedekind in einer Bearbeitung von Bastian Kraft
Premiere 22. November 2019 im Marstall