Sommergäste

Sie werden mich fragen, wie sie leben sollen. Und was soll ich dann antworten?  

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Theater 
Residenztheater  

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Information

Altersempfehlung
Ab 12 Jahren
Dauer
130 Minuten
Musik
Polly Lapkovskaja  
Bühne
Residenztheater  

Beschreibung

Im Sommerhaus des Rechtsanwalts Bassow trifft sich die russische intellektuelle Mittelschicht: ein Kreis aus Familienmitgliedern, Freund*innen und Freundesfreund* innen um Bassow und seine Frau Warwara Michajlowna. Man ist in Urlaubsstimmung, arbeitet wenig, gibt sich der Langeweile und Zerstreuung hin. Tatsächlich aber liegt eine gesellschaftliche Veränderung in der Luft. Warwara Michajlowna und die Ärztin Marja Lwowna werden nicht müde, im Kreis der Sommerfrischler*innen die Möglichkeit eines besseren Lebens für alle und ein Bewusstsein gemeinsamer politischer Verantwortung zu formulieren. Doch mit jedem Gespräch, jedem Streit, jeder Selbstenthüllung wird fraglicher, ob diese Sommergäste für ein anderes, wahrhaftigeres Leben und die Verwirklichung gerechterer Verhältnisse ausgestattet sind.

In virtuos skizzierten, der Realität abgelauscht wirkenden Szenen entwirft Gorki in seinem 1904 in St. Petersburg uraufgeführten Schauspiel das Panorama einer sozialen Schicht – der russischen Intelligenzija –, die in einer historischen Schwellenzeit ratlos zu erstarren droht. Es ist der Vorabend der Russischen Revolution von 1905, die mit dem Marsch tausender Arbeiter*innen auf den Petersburger Winterpalast und dessen blutiger Zerschlagung durch die Armee des Zaren ihren Anfang nehmen wird. Und weder der Autor noch seine Figuren können ahnen, wie nahe sie einem historischen Wendepunkt gekommen sind. In dieser Dringlichkeit und in Gorkis beharrlicher Frage nach unserer Fähigkeit zu Solidarität mit Benachteiligten und Schwächeren liegt das radikal Gegenwärtige dieses modernen Klassikers.

Mit «Sommergäste» stellt sich der britische Regisseur Joe Hill-Gibbins, dessen künstlerische Handschrift sich durch präzise Dialog- und Figurenarbeit auszeichnet, erstmals dem Münchner Publikum vor.

Kritiken

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Paulina
Wawerla

Theatertanten

Besuchte Premiere: 25. Oktober 2019

Es ist Weltuntergangsstimmung. Hier bei uns im Jahr 2019 genauso wie bei Warwara Michaljlowna. Sie lebt in Mitten von Pseudointellektuellen, Dichtern, Juristen, Ärzten und Lebemännern – die reden und reden aber nicht sehen, was um sie herum in der Welt an Missständen und Ungerechtigkeit herrscht. In den Alkoholismus fliehend verbringen vierzehn mehr oder weniger verwandte Menschen den Sommer auf einer Dascha in Russland; trinken und diskutieren, verlieben und streiten sich.

Mit Maxim Gorkis „Sommergäste“, inszeniert von Joe Hill-Gibbins, geht’s weiter im Premierenlauf des Residenztheaters unter Andreas Beck.Nach einem zeitgenössischen Literaten bei „Die Verlorenen“, kommt jetzt ein Klassiker der Moderne ins Residenztheater. Gorkis Sommergäste wurden 1905 noch vor der Russischen Revolution uraufgeführt. Es ist also doch schon ein Weilchen her, aber obwohl wir uns weder im Russland des frühen 20. Jahrhundert befinden, noch kurz vor einem weltpolitischen Umsturz stehen, lässt sich mit dem Stück genauso gut Kritik an dem Premierenpublikum des Residenztheaters (inklusive mir) üben. Ein Stoff, der wie viele andere Gorki und auch Tschechow Texte, ganz wunderbar in unsere Zeit passt und vor allem genau die Gesellschaftsschichten anspricht, zu denen wir gehören.

Es ist mal wieder eine Geschichte die mir an diesem Abend erzählt wird, mit einer Menge Mensch. So lerne ich einen Großteil des neuen Ensembles kennen und teilweise ist es recht wuselig auf der Bühne, sodass ich fast etwas den Überblick verliere. Dieses Kuddelmuddel wird durch einige rollende Bierflaschen und rumliegende Requisiten zwar noch verstärkt, ist aber trotzdem im Rahmen. Auf einer sich ganz langsam bewegenden Drehbühne inszeniert Hill-Gibbins die reichen Russen, verorten sie allerdings in einer Zeit, in der es moderne Duschen, Kugelgrills und MacBooks gibt. Alle 14 Schicksale auseinander zu klamüsern fände ich an dieser Stelle zu viel und auch nicht sonderlich erkenntnisbringend, denn sie alle eint vor allem eins: ihre Enttäuschung vom Leben und ihre Besessenheit von sich selbst. Sie leiden und jammern über ihre eigenen Schicksale und suchen in den anderen Personen lediglich jemanden, um sich selbst sprechen zu hören und Bestätigung zu bekommen. Die Einzige, die sich um eine andere Person sorgt, ist Sonja (Enea Boschen), die zwar nur eine der kleineren Randfiguren spielt, aber mir in ihrer Liebe zur Mutter in Erinnerung bleibt. Diejenigen der Sommergäste, die sich um den Fortbestand der Welt sorgen, werden von den anderen belächelt und als „nervenkrank“ bezeichnet. Klare Verweise auf die Parallelen zu unserer heutigen Zeit werden nicht gemacht, aber das braucht es auch nicht. Wir Zuschauenden sollten dieses Abstraktionsvermögen schon noch selbst besitzen.

Es fallen an dem Abend wieder so viele so schlaue Sätze, dass ich über ein paar etwas konstruierte Komik und etwas impulsartige Wutausbrüche von Brigitte Hobmeier in der Rolle der Warwara hinwegschauen kann. Ein leichter Abend, der bei mir besonderes durch den philosophischen Touch des Textes in Erinnerung bleibt.

Paulina Wawerla   // Theatertanten
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Max
Kuhlmann

qooz - aus dem Leben

So ging es eben nicht. Das hat viele Gründe. Ein Aspekt ist vielleicht die Tatsache, dass die Menschen im Kommunismus zu sehr in Schubladen gesteckt wurden. Arbeiterklasse, Bourgeoisie, Intelligenzija. Das funktioniert eben nicht.
Zwei Stücke aus der Vorzeit der russischen Revolution – vor 1905 – hatten jetzt Premiere am Münchner Residenztheater. Bekannte Werke: Zum einen „Sommergäste“ von Maxim Gorki und zum anderen „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow.
Es sind Stücke, von denen man immer wieder hört, sie würden auch auf unsere heutigen Zeiten passen. Anton Tschechow war mit seinem Stück ein paar Jahre früher dran als Maxim Gorki. Das Stück von Maxim Gorki ist insoweit auch durchaus schon etwas politischer, es geht kritischer um mit der russischen Intelligenzija, den „Sommergästen“.
Über die Premiere von „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow schreibe ich demnächst. Die Inszenierung von „Drei Schwestern“ ist ja eine Übernahme vom Theater Basel, inszeniert von Simon Stone und im vergangenen Jahr ausgewählt zum Berliner Theatertreffen.
Hier ein paar Gedanken zu Maxim Gorkis „Sommergäste“. Ich habe die Premiere am Residenztheater gesehen.
Mit «Sommergäste» stellt sich der britische Regisseur Joe Hill-Gibbins erstmals dem Münchner Publikum vor. Klares Bühnenbild, nichts auf der großen weiten Bühne außer ein paar Bierflaschen, Dosen, Kisten, müllähnlich kleinere Gegenstände und in der Mitte der Bühne ein kleines quadratisches Duschhäuschen, wie es sich gehört für einen Landsitz. Ein Scheinwerfer umkreist im Hintergrund sonnengleich langsam – am Boden allerdings – die Bühne.
Weiße Bühne und schwarzer tief dunkler Hintergrund, es erinnert ein bisschen an die ähnlichen Elemente bei „Die Verlorenen“, die auch gerade Premiere hatten. Joe Hill-Gibbins unterstreicht damit sicherlich die Zeitlosigkeit des Stückes.
Der Titel „Sommergäste“ war von Maxim Gorki nicht zufällig gewählt. „Sommergäste“ wurden damals – abfällig – diejenigen gut situierten Russen genannt, die ihr städtisches Leben – zum Beispiel in Moskau – verbrachten und ab und an auf dem Landsitz Urlaub machten. Eine Schublade eben. Auf dem Land arbeitete man aber für die Landwirtschaft. Die Urlaub machenden Vertreter der Intelligenzija waren tatenlose und nur schwadronierende „Sommergäste“.
Das Ensemble des Residenztheaters ist groß, bei „Sommergäste“ kommen 14 Ensemblemitglieder zum Einsatz. Unter anderem in der Hauptrolle der Warwara Michajlowna Brigitte Hobmeier. Wawara gilt in Maxim Gorki Drama „Sommergäste“ in gewisser Weise als Gegenstück zu den Vertretern der so tatenlosen „Sommergästen“.
Brigitte Hobmeier ging meines Erachtens in der zahlenmäßig großen Besetzung des Stückes fast unter. Schade, so kannte ich sie garnicht. Meines Erachtens hätte sie dem Stück eher entsprochen, wenn sie noch mehr im Mittelpunkt gestanden hätte. Sie betrachtet ja das Gerede und das Handeln der Sommergäste als Einzige mit Abstand und Kritik. Das aber wird nicht deutlich. Schade auch, irgendwie fehlte etwas von ihrer so beliebten und bekannten Strahlkraft. (Ganz subjektiv: Sie steckte meines Erachtens in völlig unpassender Kostümierung!)
Wie es für „Sommergäste“ passte: Es wird viel geredet, Anbandelungen werden versucht, viele Animositäten treten auf, Reden werden geschwungen, Unzufriedenheiten werden geäußert, Statements zum Status der Gesellschaft und dem Leben werden abgegeben, hohle Allgemeinplätze zum Leben hört man immer wieder, alles aber nach Maxim Gorki ohne einen durchgehenden roten Faden.
Für mich blieb dabei unklar, ob Joe Hill-Gibbins zeigen wollte, dass all das auch heute noch Geltung hat. Das Schwadronieren der Mittelschicht vor einer aufkommenden Unruhe. Könnte man sagen, wird aber nicht thematisiert.
Bei der betont „heutigen“ Szenerie – es wird Bier getrunken, ein Grill wird angezündet, die SchauspielerInnen sind modern gekleidet, modernes Leben – dachte ich mir: Der alte Textverlauf im Grunde – aber in moderner Gesellschaft – die Personen waren wiederum die Personen der alten Zeit – sie gaben fast aphorismenartige ihre Allgemeinplätze zu bestimmten Gegebenheiten ab, teils moderne Aspekte, teils überholte Aspekte – dIe unklare Mischung von alt und neu hat mich verwirrt. Etwas leer verließ ich das Theater. Aber es mag auch anders gesehen werden.

Max Kuhlmann   // qooz - aus dem Leben

Bewertungen

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Mitwirkende

Besetzung  

Darsteller*in
Katja Jung  
Darsteller*in
Enea Boschen  
Darsteller*in
Michael Goldberg  
Darsteller*in
Robert Dölle  
Darsteller*in
Valentino Dalle Mura  
Darsteller*in
Brigitte Hobmeier  
Darsteller*in
Luana Velis  
Darsteller*in
Christian Erdt  
Darsteller*in
Aurel Manthei  
Darsteller*in
Sophie von Kessel  
Darsteller*in
Thomas Reisinger  
Darsteller*in
Hanna Scheibe  
Darsteller*in
Vincent Glander  
Darsteller*in
Thomas Lettow  

Weitere Hinweise

Hinweise
Premiere 25. Oktober 2019